Pressespiegel
theater logo Produktionen RegieFigurenbau Workshop Über uns Förderer KontaktPresse
01.09.2007
unima súisse
HOFFNUNG BRAUCHT LIEDER
Hoffnung braucht Lieder, Bilder, Erzählungen
Mitten in unserer maßlos gewordenen Wohlstandgesellschaft häufen sich alarmierende Berichte von Kindern, die verlassen, verhungert oder im Kühlschrank erfroren in der Wohnung ihrer Eltern vorgefunden wurden. In Braunschweig (D) finden Kinder aus unterprivilegierten Familien im Theaterprojekt der Puppenspielerin Anke Berger Erholung sowie Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Not. Eine Marktlücke für PuppenspieltherapeutInnen? Braunschweig, westliches Ringgebiet. In diesem Quartier bekommen viele Kinder nach der Schule kein warmes Mittagessen. Die Kindertagesstätte "Schwedenheim" möchte diesen Kindern aus benachteiligten Milieus neben der Teilname an einer warmen Mahlzeit die Stabilisierung und Verbesserung ihrer schulischen Leistungen, soziale Kontakte sowie die Beteiligung an kommunikativen, kreativen und spielerischen Aktivitäten ermöglichen. Seit Herbst 2003 treffen sich dort wöchentlich zwei Theatergruppen: Eine kontinuierlich arbeitende Gruppe sowie ein niederschwelliges, offenes Angebot: der - von den Kindern nach Abkürzungen ihrer Strassenzüge benannte Kinderkulturclub - "HuLu-HeJa". Den Kindern im Kindergarten- und Schulalter ist eines gemeinsam: Sie wachsen auf in Familien mit sozialer Armut. Der materiellen Not geht häufig psychosoziale Not voraus, so leiden viele Eltern an psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen und sind infolge ihrer eigenen Traumatisierungen nicht in der Lage, den Kindern emotionale Sicherheit und Strukturen zu geben sowie ihre finanziellen Mittel einzuteilen. Arbeitslosigkeit, ein Migrationshintergrund und hohe Kinderzahl erhöhen das Armutsrisiko. Kinderarmut bedeutet Verlust von Selbstwertgefühl und seelische Vereinsamung sowie eine frühe Überverantwortlichkeit: Die Kinder führen den Haushalt, sorgen für jüngere Geschwister und nicht selten auch für die suchtkranken Eltern. Im Theaterkurs sind diese Kinder auf den ersten Blick laut, wild, oft fluchen sie und gehen mit Fäusten aufeinander los. Zugleich zeigen sie eine ausgeprägte Ängstlichkeit: Bei kleinsten Geräuschen zucken sie schreckhaft und laut kreischend zusammen. Manche sprechen kaum, oder sind hypervigilant andere zeigen aggressive oder depressive Züge, wirken übernächtigt und haben immer wieder Läuse. Vor allem aber sind sie hungrig an Leib und Seele. Anke Berger möchte ihnen unbeschwerte Momente ermöglichen sowie ihre verschütteten Talente und Stärken wecken - und spürt ein riesiges Mitteilungsbedürfnis. Die Kinder, die nicht gewohnt sind, in Ruhe ohne Fernsehlärmpegel am Tisch zu sitzen, können im geschützten Rahmen eines Anfangsrituals ihre Alltagserlebnisse erzählen. Gemeinsam decken sie den Tisch, trinken Tee, essen und finden die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die ihnen ihr Elternhaus nicht zu vermitteln vermag. In der Theaterarbeit spiegeln die von den Kindern gewählten und gestalteten Figuren und Rollen auf kraftvolle Weise einen Teil ihres Lebens wieder, im Rollenspiel erahnt Anke Berger die familiären Spannungen. Beliebte Improvisationsthemen sind "Ich hau ab von zuhause", "Ich habe mal gelogen und warum", " Stress mit anderen Kindern auf dem Schulweg" sowie "Angst". Die Szenen, die die Kinder in zahllosen Variationen wiederholen möchten, wirken nicht nur als Ventil für gestaute Gefühle, es zeigen sich auch Konflikte, für die die Kinder im Spiel Lösungen finden. Anke Berger hält die Augen offen und arbeitet bei Bedarf eng vernetzt mit Fachpersonen, die ihre Arbeit unterstützen. Hoffung braucht Lieder, Bilder, Erzählungen, Märchen. Immer wieder erzählt, gespielt und vertieft, werden sie von den Kindern mit allen Sinnen erlebt. Die Gestaltung lässt sie nachempfinden, wie Hänsel und Gretel ihre Verlassenheit, ihre unberechenbare Überforderung überwinden, wie der Prinz im Märchen "Das Eselein" Wandlung und Erlösung erfährt, und über Monate improvisieren und philosophieren sie zum "Mädchen ohne Hände", welches den kindlichen Missbrauch thematisiert. Auf meine Frage nach Prozessen und Lernschritten antwortet Anke Berger erst zögernd. Allzu präsent sind ihr die vielen Anstrengungen - Klarheit, Konsequenz und Improvisationstalent - die sie aufbringen muss, um diese anspruchsvollen Kindergruppen zu führen, sowie viele frustrierende Momente. Vor allem war die Finanzierung in der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt, weil die neue Landesregierung nur noch punktuell kurzfristige Projekte lancieren wollte. Dennoch: Zunehmend wird die Dringlichkeit ihrer Arbeit sowie positive Entwicklungen der Kinder erkannt: Fast verstummte, verschlossene Kinder beginnen zu singen und zu tanzen, sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt konnten durch die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst aufgedeckt werden. Darum ist Anke Berger überzeugt: Ihr Projekt braucht Kontinuität, die Kinder, die in Not sind, Verlässlichkeit. Nur durch Regelmäßigkeit lernt die Gruppe, elementare Fertigkeiten zu entwickeln: Regeln akzeptieren, Ruhe aushalten, Verantwortung übernehmen, Schamgefühle überwinden und echte Motivation aufbauen, um ernsthaft an einer Rolle zu arbeiten. Auch müssen die verschütteten schöpferischen Kräfte, die Kreativität und Fantasie geweckt, die Scheu, mit Material zu arbeiten, abgebaut werden. Mit dem Wagnis, auf der Bühne zu stehen, wächst ein positives Identitätsgefühl, dadurch kann der eigene Schmerz in die Rolle einfliessen und ausgedrückt werden. Wenn es gelingt, bei den Theateraufführungen die Erfahrung zu machen, dass durch gemeinschaftliches Tun etwas Größeres und Stabileres entsteht als durch destruktives Verhalten, dann entsteht neues Selbstvertrauen. Dieses Vertrauen soll auch Teenagermüttern vermittelt werden. Darum wird die Ausweitung der Theaterarbeit auf jugendliche Mütter geplant. Mit den Mitteln des Theaters möchte Anke Berger vor allem ihre Bindungsfähigkeit, ihren Fürsorgetrieb und ihre Freude am Umgang mit dem eigenen Baby wecken. Während die jungen Mütter im Theaterkurs zwei Stunden Zeit für sich haben, können ihre Babys und Kinder von der gleichzeitig angebotenen Betreuung und Förderung profitieren. Leider, sagt Anke Berger, ist soziale Armut vererbbar. Für die von ihr betreuten Kinder sieht sie kaum Zukunftschancen. Doch sie misst den Erfolg ihres besonderen Projekts am großen Zulauf und an der begeisterten Freude der Kinder, die im Theaterspiel sorglos entspannte Momente des Glücks erleben können. Die äußerst anstrengende Arbeit wird durch die Liebe, die ihr Kinder entgegenbringen, wettgemacht. Anke Berger, geb. 1959, lebt seit 1995 in Braunschweig, verheiratet, 2 Töchter Arbeitete als Therapeutin mit geistig behinderten und psychisch kranken Menschen Figurentheaterproduktionen für Kinder und Jugendliche, unter anderem "Sonne im Gesicht", die biographische Geschichte eines Mädchens, das in Afghanistan als Junge verkleidet fürs Überleben ihrer Familie sorgen muss. Theaterpädagogische Arbeit mit Kindern aus sozialen Brennpunkten Erarbeiten von Theaterstücken mit Schulklassen und Gruppen Kontakt: www.theater-anke-berger.de Der Artikel ist im September 2007 in der Zeitschrift für Puppen- und Figurentheater (unima súisse) erschienen.