Pressespiegel
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15.02.2012
Puppen, Menschen & Objekte, Theaterzeitschrift, 2012/2
Anke Berger im Gespräch mit Kristiane Balsevicius
Einmal war es – War es einmal – Es war einmal
Du zeigst Märchen von Grimm als Solistin und hast mittlerweile 4 Grimm-Inszenierungen. Welche Prozesse sind bei Dir in Gang gekommen in der Auseinandersetzung mit Grimms Märchen?
Von Anfang an hatte ich eine große Achtung vor diesen alten, über die Jahrhunderte durch die Volksseele gereinigten Stoffen, ich wollte sie nicht vergewaltigen, ausbeuten, sondern ihnen dienen. Bei meinem ersten Märchen „Das Eselein“ habe ich verzweifelt gerungen mit meinem Erwachsenenintellekt, den Stoff psychologisch, pädagogisch ... richtig zu erfassen. Aber Wollen allein hilft nicht. Der Kampf mit der Umsetzung war vorherrschend. Die Tiefe dieser Inszenierung kam von Margrit Gysin, der Regisseurin. Die Poesie der Sprache, der direkte Draht zu den Kindern, den sie immer wieder mit einem Wort, einem kleinen Satz, herstellt. Bei „Die Sterntaler“ (Regie: M. Gysin) ist es mir gelungen, an meine tiefsten Kindheitsbilder zu kommen, als Erstes das eigene Bild zu finden, vor der Interpretation. Seitdem ist es mir möglich, immer unbeschwerter und natürlicher zu erzählen, die Wirkung ist umso nachhaltiger. Das gibt eine große Freiheit für die Umsetzung, das Material und das Spiel. „Schneewittchen“ (Regie: Martina Couturier) spiele ich teilweise mit Material, das ich vor den Kindern gestalte. Das Schöpfen des Papier-Schneewittchens ist ein dynamischer Vorgang, auf den die Kinder stark reagieren. Damit sich die Kinder trotz der Abstraktion verbünden können, hatte ich in den ersten drei Märchen eine Handpuppe als Identitätsfigur dabei. Bei „Schneeweißchen und Rosenrot“ (Regie: Martina Couturier) sind es nur noch Figurenfragmente, das Material ist immer einfacher geworden, während die Sprache anspruchsvoller wurde, weil ausschließlich Originaltext verwendet wurde. Wir hatten eine Fassung gefunden, die war unglaublich schön erzählt und kam unserer Intention entgegen, die Wärme und Harmonie, die dieses Märchen ausstrahlt, zu transportieren. Viele Kinder kennen ein ruhiges Zusammenleben nicht mehr, Sorgen und Nöte der gestressten Eltern prägen den Alltag. Doch gerade das Fehlen von Bedrohung, Helden in Nöten, machte die Dramaturgie schwierig. Alles, was wir an möglichen Konflikten dazu entwarfen, störte den ruhigen Fluss der Erzählung. Unsere Dialoge schmeckten schal und banal. Das Märchen hat sich gegen unser Überstülpen von „gemachten“ Konflikten und Dialogen gewehrt . Das war meine verblüffendste Erfahrung bisher.
Hat sich in der Erzählerrolle/-haltung etwas verändert? In der Wahl der Mittel?
Bei Schneewittchen und Sterntaler hast Du ja eine Rolle inne (Apfelfrau mit dem „kleinen Kerl“ in der Kiepe, Frau Mond bei Sterntaler.) Wählst Du immer eine Art „Angelhaken“ aus dem Märchen, um es darzubieten?

Der Angelhaken kann ein bestimmtes Bühnenbild sein, eine Figur oder auch die Erzählerrolle. Er soll in den Kinder Prozesse auslösen, sie zum Staunen bringen, ihr Spiegelbild sein, ihren Nachahmungstrieb auslösen. Bisher waren die Ausgangspunkte bei den Inszenierungen sehr unterschiedlich, jedes Märchen hat seine eigene Herangehensweise gefordert. Das Märchen steht in direktem Bezug zu mir, man kann es nicht isoliert betrachten. Bei „Schneewittchen“ sind Martina und ich vom Punkt der Auflösung, des Märchenendes herangegangen, nicht bildlich. Wir wollten auf keinen Fall, dass Schneewittchen einen unbekannten Retter heiraten muss (ich habe Töchter!) und wir wünschten eine stärkere Jungenrolle. Das war die Geburt des hergelaufenen, heimatlosen Apfeljungen. Die dicke, gutmütige Marktfrau hat sich seiner angenommen und spielt ihm die Geschichte vor. Er erlebt die Geburt und die Verfolgung des Mädchens und greift dann, wenn sie stirbt, in das Geschehen ein. So wird er zu ihrem Retter und, mehr noch, SIE macht IHN zu ihrem Prinzen. Die Erzählerrolle war damit geboren.
Es stellt sich ja grundsätzlich auch die Frage: wie verlängert man 1-3 Seiten Buch auf etwa 40 Minuten Theater?
Je kürzer die Vorlage, umso mehr Spielraum bekomme ich. Dann kann ich die Atmosphäre spielen und muss nicht nur den Plot erzählen. In den Märchen wird ja eine unendliche lange – oder kurze – Zeit beschrieben. Das gibt mir die Freiheit, nach Belieben zu füllen. Spiele, Lieder, Kunststücke, die aus dem kindlichen Erfahrungshorizont kommen, lustig sind oder gewagt, aber unbedingt die Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen vorantreiben müssen. Die Lieder und Reime kennen die Kinder, so dass sie mitsingen können, sie verbünden sich. Das Wasser ist echt, das Feuer, Steine, Äste, Papier. Die Mittel sind so einfach, dass jedes Kind sie schon auf dem Heimweg finden kann und zum Nachahmen/-spielen angeregt wird. Archaisches Material, das die Sinne anspricht und möglichst wenig Technik.
Hat Margrit Gysin Deinen Zugang zu Märchen verändert, geprägt? Dich für bestimmte Aspekte sensibilisiert?
Margrit hat mich an die Märchen herangeführt, die Märchen waren in meiner Kindheitsschublade unbeachtet verstaubt. Sie hat bei mir eine so vielschichtige Auseinandersetzung mit diesem Thema bewirkt, das würde hier den Rahmen sprengen. Im therapeutischen Puppenspiel bei ihr haben wir die Wirkung einzelner Märchen auf Kinder untersucht. Die technischen Grundlagen für diese Arbeit unterscheiden sich fast diametral von den Bühnengesetzen. Gerade dies schärft den Blick für den „Angelhaken“, die Kinder werden ernst genommen, geschützt. Mein erstes Märchen „Das Eselein“ ist die Geschichte eines Kindes, das die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt und von der Mutter vernachlässigt wird. Margrit baute die Inszenierung schon vom Einlass an auf. Ich sitze auf einem Hocker, es gibt nur eine Lichtstimmung und damit eine große Ruhe, keine Musik, nur den roten Faden, an dem ich häkele. Ich habe Zeit, die eintretenden Kinder anzuschauen. Kinder, die heute selten angeschaut werden, werden liebevoll beachtet. Denn ich bin die Frau mit einem unerfüllten Kinderwunsch. Die Wirkung ist verblüffend. Die Kinder werden sofort still, erst verlegen, dann neugierig, es entsteht eine meditative Stimmung, da sie das tätige Tun fasziniert. Der Faden ist die Nabelschnur, an dem das Neugeborene später entbunden wird, und somit der Einstieg in die Geschichte. Nichts wird dokumentiert, nichts dekoriert. Szenen, die Empathie und Verständnis bei den Kindern erzeugen, werden mit „echtem“ Leben gefüllt. Beim Eselein konzentrierten wir uns auf die Figur, es konnte echte Tränen weinen, selber Musik spielen auf seiner Leier und als es die Haut ablegte, kam der Prinz zum Vorschein.
Eine Kritik hebt hervor, dass Du Dich von der Puppenspielerin zur „Figurenspielerin“ gewandelt hast und drückt damit möglicherweise auch ein verändertes Verhältnis zur Erzählweise von Märchenstoffen aus, einen anderen dramaturgischen Gesamtzugriff. Hast Du mit Martina Couturier nochmals andere Impulse erfahren?
Martina Couturier hat mit mir vor allem schauspielerisch gearbeitet, ich konnte in Rollenwechsel gehen, und der gesamte Bühnenraum wurde mit einbezogen. Das ermöglichte ein freies Umgehen mit Rhythmik und Komik. Unser erstes Märchen war Schneewittchen, wo ich als Apfelverkäuferin an einer Straßenecke in Nähe des Theaters Äpfel feilbiete, von den Besuchern also zumindest unbewusst wahrgenommen werden kann. Wenn ich dann laut ins Theater platze mit einem Apfel in der Hand, dem schönsten, reserviert für eine feine Dame, dann bin ich in einer Rolle, aus der heraus ich die Geschichte erzähle. Die Marktfrau findet eine verlassene Bühne vor, es gibt nur weißes Papier. Sie wartet auf die Dame, derweil macht sie ihre Abrechnungen, bis der kleine Junge aus der Kiepe krabbelt, der eine Geschichte mit Äpfeln erzählt haben will. Nun reißt sie aus ihrem Buch Blätter und beginnt, Figuren zu falten. Durch diese gespielte Rolle gibt es die Möglichkeit, voll und kindlich unperfekt ins Spielen mit Material zu kommen, was spannend ist. Das Papier verwandelt mich sogar zur Königin. Auch das Zwergenhaus ist in Papier gehüllt, es wird nach und nach entblättert: Geheimnisse gibt es in jedem meiner Stücke. Zum Ende ist alles „echt“, also gebaute Figuren. Das Material ist in diesem Fall ein wichtiger Übermittler der psychologischen Entwicklung der Protagonistin. Und ich kann durch das offene Spielen der verschiedenen Rollen mit dem Material verschmelzen.
Wie würdest Du die Schwerpunkte bei einer Aufführung beschreiben hinsichtlich: – erzählen; – Bilder schaffen; – Dialoge der Figuren untereinander / reine Aktion?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Bilder schaffen und der Ästhetik, d.h. Suche nach der Landschaft, den Farben, dem „Geruch” für das Bühnenbild. Bei den „Sterntalern“ war es ein Planet, wie der des kleinen Prinzen, im Universum. Eiseskälte, deshalb archaische Steine, mit denen ich spielen wollte. Damit die Kinder begreifen, dass die Steine personifiziert sind, damit sie den Weg in die Abstraktion mitgehen können, werden anfangs Steine und Steingeschichten, die inhaltlich einen direkten Bezug zum Märchen haben, verschenkt. Da ist die Erzählerin vorbereitend sehr wichtig. Wenn die Geschichte beginnt, verwandele ich mich in Frau Mond ... und schaue zu den Kindern herunter. Auch zu dem kleinen Mädchen, dem Vater und Mutter gestorben sind ... ab da gibt es Aktion und Dialoge der Figuren. Bei „Schneeweißchen und Rosenrot“ sollte es ein fröhlicher Wald sein. Daraus wurde ein Spiel mit Ästen. Alle Tiere entwickeln sich aus Wurzeln, die Kinder sind Rosen. Die Mutter und ihre Mädchen in diesem matriarchalen Märchen brauchten einen männlichen Gegenpart auf subtiler Ebene. So war die Idee des Hirsches als Bühnenbild geboren. Das Eingangsbild ist eine Bude aus Ästen, in der ich sitze, wenn die Kinder kommen. Diese verwandelt sich nach und nach, bis der Hirsch vollständig aufgebaut ist und als Schlussbild stehenbleibt. Es gibt zarte und kraftvolle Geheimnisse in dieser Produktion: Äste, die schweben können genauso wie eine unerwartet üppig gestaltete Zwergenhöhle à la Niki de S. Phalle, die sich wie eine Herzkammer des archaischen Hirsches öffnet. Bilder tragen das Stück, Mutter und Figuren bringen mit ihren Dialogen die Geschichte voran.
Kurzum: was machst Du (mit Grimm-Märchen)? Oder sanfter gefragt: was suchst Du mit Märchen für Zuschauer auszudrücken? Was hast Du mit (an) Märchen entdeckt? Oder durch Deine therapeutische Arbeit mit Kindern?
Märchen sind wie Träume, surreal. Sie sind geheimnisvolle Welten, die mit jedem von uns zu tun haben, immer individuell, jedes Mal anders, unerschöpflich. Diesen Stoff spielen zu dürfen ist für mich ein großes Geschenk. In diesen Traum möchte ich die Zuschauer mitnehmen. Im Märchen taucht man ab, verliert die Bindung an das Alltägliche hin zum Wesentlichen. Und fühlt sich geborgen, Kinder wie Erwachsene. Die Hoffnung auf ein gutes Ende gibt dem Menschen Kraft. Meine Arbeit mit Kindern im sozialen Brennpunkt, mit Behinderten und psychisch Kranken hat meinen Sinn für das große Potential, das wir in den Märchen haben, geschärft.