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15.01.2014
Puppen, Menschen & Objekte, Theaterzeitschrift, 2014/1
Sterntaler
"Die Sterntaler"- das Prinzip Hoffnung.
Theater Fadenschein in Braunschweig während der VdP-Tagung im Januar 2014. Ich bin gespannt auf die Inszenierung "Sterntaler" von Anke Berger, denn das Interview mit ihr in der PMO hat mich neugierig gemacht. Kinder warten quirlig, eine Frau kommt durch die Reihen herein in einem groben, grauen Kleid, an ihren nackten Füßen klingelt leise Metall. Vielleicht ist sie ...eine Töpferin? Sie fängt einfach an: spricht, redet, erzählt. Das Murmeln im Raum verstummt, die Kinder, eben noch schnatternd in zappeliger Vorfreude, lauschen wie selbstverständlich. Die Taschen hat Töpfer-Frau voller Geschichten. Geschichten von Steinen. Wenn sie Steine verschenkt an die Kinder, heißt es BITTE. Und DANKE. Klar, kraftvoll, überzeugend spricht sie von verborgenen Dingen: vom Kartoffelstein, der vom Opa stammt und immer weitervererbt wird, mit dem in der Tasche braucht man nie mehr hungern. Die Frau erzählt nüchtern und klar wie kaltes Wasser. Von einem Stein mit einer unsichtbaren Tür spricht sie, die alle tausend Jahre einmal aufgeht. Auch der wird verschenkt. BITTE! (Wer mag schon Steine? Doch, ja, klar liebten wir alle Steine: am Meer, am Strand, die Kiesel, die Versteinerungen, manche hatten ein Gesicht darin. Lang nicht dran gedacht.) Jetzt aber geht in der Geschichte ein Kind durch die Nacht. Steine kommen und frieren. In den Steinen könnte man menschliche Formen entdecken: einen Kopf, eine Schulter...versteinerte Menschen? Steine, die Menschen werden wollten? Was ist das für eine Welt, in der Steine zu einem Mädchen kommen und um Essen und Kleidung bitten? Ruhig fließt der Strom der Handlung, mit kurzen Dialogen. Die Kinder, Seismographen der Spannung, schauen und hören gebannt. Wir haben Zeit zu beobachten. die Bilder zu entdecken, wirken zu lassen. Lauschen der Geschichte von einem Kind in einer kargen Welt. Eines der Steinkinder der Geschichte verlangt fordernd eine Mütze: "Gib! Gib!!" und nochmals: "Gib!!!" Das Kind sagt schlicht "Nimm." Nun durchzuckt es mich doch protestierend und ich verliere die freundlich-ästhetische Distanz. Du kannst doch nicht immer nur geben, denke ich, irgendwas muss doch auch für dich bleiben! Du mußt lernen, dich abzugrenzen, gesunder Egoismus ist doch wichtig, sonst wirst du nur ausgenutzt! Nein, es bleibt nichts. Nichts. Was sollen die Kinder daraus mitnehmen? Altruistisch sein? Wenn sie geschlagen werden, auch die zweite Wange hinhalten? Die Wehrlosigkeit darin empört mich. Aber: kann man so ein Märchen wie Sterntaler überhaupt als Vorbild und konkrete Handlungsanweisung verstehen? Geht diese Betrachtungsweise nicht am Kern vorbei? Anke Berger und Regisseurin Margrit Gysin haben das Sterntaler-Märchen als das belassen, was es ist: eine metaphorische Bildergeschichte. Die auch nur so verstanden und von jedem Zuschauer wieder neu ausgedeutet werden kann: als Gleichnis. Schließlich verschenkt das Kind sein letztes Hemd und steht nackt da. Läßt alles zurück, diese Geste macht sprachlos. Die da braucht kein Hemd mehr. Die Schlußszene mit dem Sternenregen und dem neuen lichten Kleid braucht keine Worte, nur Bild und Klang. Die Spielerin auf der Bühne verrät uns nicht, was sie denkt. Sie erzählt ihre Geschichten. Das interpretieren und dran stoßen können wir Zuschauer schon selbst. Später lese ich, daß sie Frau Mond sei... aber kein fernes Spiegelbild, denke ich, ihre Welt ist kein Sehnsuchtsort für Romantiker. Die Kinder bekommen am Ausgang einen kleinen goldenen Taler mit nach Hause, für mich sind es Fragen und Bilder, die nach dem Theaterstück bleiben. Kann ein Stein ernähren, wenn man ihn Kartoffelstein nennt? Reicht es, daran zu glauben, um nicht mehr hungern zu müssen? Oder fehlt uns gerade so ein Wunsch-Stein, so ein Stein-Glaube, um satt zu werden inmitten der vollen Kühltruhen? Und: wie kann man überhaupt Märchen auf der Bühne darstellen und sie in ihrer metaphorischen Qualität belassen? So zum Beispiel geht es. Das steht da wie ein Holzschnitt. Kantig, herausfordernd, elementar. Es wird nicht erklärt, nichts entschärft, um Logik oder Moral zu entsprechen. Da weiß eine genau, was sie will. Anke Berger hat alle Taler handgefertigt, vor der Vorstellung klopft und reißt sie eine Stunde lang Sternenflitter und Goldtaler aus Schweizer Schokoladeneinwickelpapier, die sie dann an die Zuschauer verschenkt. Ich hoffe, nach der Vorstellung diskutieren Kinder und Eltern: Warum hat das Mädchen alles verschenkt? Ist das gut so oder nicht? Wird man dann reich? Sollen wir das auch so machen??? Schwierige Fragen, die hoffentlich eine Weile gedreht und gewendet werden. So bleibt Zeit, immer mal wieder nach der Tür im Stein zu schauen: vielleicht sind ja die 1000 Jahre herum?