Pressespiegel
theater logo Produktionen RegieFigurenbau Workshop Über uns Förderer KontaktPresse
06.11.2013
Die Rheinpfalz
Bacha Posh - Das Geheimnis
„Ich bin jetzt ein Junge. Ich darf das“
VON ANJA STAHLER BAD DÜRKHEIM. Es gibt Länder, da ist es nicht einfach, ein Mädchen zu sein. Wie sich die elfjährige Parvana in Afghanistan als Junge verkleidet auf dem Markt durchschlagen muss, um ihre Familie zu ernähren, zeigte das Stück „Bacha Posh – Das Geheimnis“ gestern Morgen im Dürkheimer Haus. Die Eigenproduktion des „Theaters Anke Berger“ aus Braunschweig beim „Theaterfestival International“ stellte die Sehgewohnheiten von Siebtklässern aus Lambrecht, Speyer, Böhl-Iggelheim und Weisenheim am Berg bewusst ganz schön auf den Kopf. Das etwa einstündige Stück beginnt ganz ohne Worte. Die Puppe Parvana, geführt und gespielt von Anke Berger, erwacht gemeinsam mit der Tänzerin (Verena Wilhelm) zum Leben. Aus dem Off wiederholt eine Stimme gebetsmühlenartig die religiösen Vorschriften der Taliban. „Es ist verboten, Nagellack oder Lippenstift zu benutzen und sich zu schminken.“ „Ein Mädchen darf sich nicht mit jungen Männern unterhalten.“ Und: „Frauen und Mädchen haben die Burka anzulegen.“ Gleichsam als stumme Zeuginnen der Unterdrückung stehen fünf vollständig verhüllte Frauenfiguren auf der Bühne. Für Parvana spielen all diese Regeln im Moment keine Rolle: Ihr Vater, ein Lehrer, wurde verhaftet. Nun ist die ganze Familie, die Mutter und drei Töchter, dem Hungertod ausgeliefert, da Frauen nicht ohne männliche Begleitung das Haus verlassen dürfen. Deshalb werden dem Mädchen die Haare abgeschnitten und sie wird als Junge verkleidet. Als „Bacha Posh“, als „falscher Sohn“, muss sie – genau wie ihre Freundin Shauzia (Martina Couturier) unter Lebensgefahr jeden Tag das Haus verlassen, um auf dem Markt Geld zu verdienen. Nur langsam realisiert Parvana: „Ich bin jetzt ein Junge. Ich kann das. Ich darf das. Ich darf mein Gesicht zeigen. Ich darf auf der Straße sein. Ich bin ein Junge. Ich darf das.“ Ihre Freundin will lieber das Land verlassen. Parvana will bleiben und auf ihren Vater warten, der bald aus der Haft entlassen werden soll. Die Freundinnen werden sich wiedersehen. Wo, lässt das Stück, nach Motiven des Jugendbuchs „Die Sonne im Gesicht“ von Deborah Ellis, offen. Die Inszenierung von Christian Weiß kombiniert Tanz, Schauspiel und Figurentheater mit kreativen Einfällen zu einem auch für Erwachsene beeindruckenden Theatererlebnis. Mit ihrem androgynen Aussehen ist Verena Wilhelm die perfekte Projektionsfläche für die Rollenmuster, die in den Köpfen des Publikums abgespeichert sind. Besonders die leisen, poetischen Momente, in denen sie Gefangensein,Traurigkeit, Einsamkeit und Verlorenheit tänzerisch darstellt, sind für die jungen Zuschauer eine Herausforderung. Mehr können die smartphone- und internet-gewohnten Teenager da schon mit der grellen Parodie auf die afghanische Form der Partnervermittlungsshow „Herzblatt“ anfangen. Achmed sucht eine Frau, doch alle drei Kandidatinnen präsentieren sich bar jeder Individualität. Von Kopf bis Fuß verhüllt mit der Burka, geben sie sich allesamt „leise, still und bescheiden“. Dennoch fällt es Achmed am Ende nicht schwer, sich zu entscheiden: „Ich nehme alle drei.“ Dass unter der Burka aber in Wahrheit moderne junge Frauen stecken, zeigen die drei Akteurinnen, indem sie sich schminken, sich Sonnenbrillen über die Burkas ziehen, rauchen und zu Popmusik tanzen. Sie alle sehnen sich nach Freiheit. „Es ist besser, ein Junge zu sein“, sagt Shauzia folgerichtig, provozierend an das Publikum gewandt. „Ja“, schallt es aus vielen Jungenkehlen zurück. Ein Junge erklärt das im Gespräch nach der Aufführung so: „Der Mann wurde schließlich zuerst erschaffen.“